ISTA-Wissenschafter untersuchen die Nachhaltigkeit von Reisen zu Tagungen
Internationale Konferenzen bieten Forscher:innen weltweit die Möglichkeit, sich über die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zu informieren, neue Forschungsideen zu entwickeln und Kooperationen zu schließen. Konferenzteilnehmer:innen aus vielen Weltregionen zu haben wird oft als Erfolgsmerkmal angesehen. Forscher:innen am Institute of Science and Technology Austria (ISTA) versuchen, die Umweltauswirkungen internationaler Konferenzreisen zu quantifizieren. Ihre Ergebnisse, die in der Fachzeitschrift Magnetic Resonance veröffentlicht wurden, könnten Forschenden dabei helfen, fundierte Entscheidungen zu treffen und eine klimabewusste Denkweise anzunehmen.
Steigende Emissionen nach der Pandemie
Viele akademische Forschungsaktivitäten haben erhebliche Auswirkungen auf das Klima. Dazu gehören die Herstellung von Chemikalien und anderen Materialien, die in der Forschung verbraucht werden, sowie der Bau und die Instandhaltung von Forschungsgebäuden, -einrichtungen und -geräten. Aber auch andere Faktoren wie das Pendeln zur Arbeit und die Konferenzreisen spielen eine Rolle. Einer dieser Faktoren, der CO2-Fußabdruck von Reisen im akademischen Bereich, ist von besonderem Interesse, da er nach der SARS-CoV-2-Pandemie wieder erheblich angestiegen ist.
„Persönliche Treffen haben eine Qualität, die Online-Konferenzen einfach nicht bieten können“, sagt Schanda. „Viele von uns hatten brillante Ideen – oder dachten zumindest damals so –, wenn wir nach einer Poster-Session mit Kollegen etwas trinken gingen.“ Solche einzigartigen Gelegenheiten lassen sich in einer Online-Umgebung kaum bieten. Obwohl reine Online-Konferenzen einen deutlich geringeren CO2-Fußabdruck haben, bieten sie den Wissenschaftern keine vergleichbare Erfahrung wie persönliche Treffen.
Die „versteckten“ CO2-Kosten
Als der Kurs im akademischen Jahr 2023/24 zum ersten Mal angeboten wurde, untersuchte das Team die Umweltauswirkungen von Konferenzreisen für das Gebiet der NMR. „Angesichts des erheblichen CO2-Fußabdrucks von Flugreisen haben wir uns gefragt, ob Zugreisen eine Alternative darstellen“, sagt Dobbelaere. Laut Natália Ružičková, einer der Kursteilnehmern und Studienautorn, die kürzlich ihr Doktorat am ISTA absolviert hat, ist es „allgemein bekannt“, dass Züge weniger umweltschädlich sind als Flugzeuge. „Aber es gibt ein ‚Aber‘: Diese Berechnungen berücksichtigen nicht die Kosten für die Infrastruktur. Während ein Flugzeug nur zwei Flughäfen benötigt, erfordert der Betrieb eines Zuges Gleise, Tunnel und Brücken, die den Ausgangs- und den Zielort verbinden. Und der Bau und die Instandhaltung dieser Gleise verursachen CO2-Emissionen“, sagt sie.
Um dieses Problem methodisch anzugehen und die „versteckten“ CO2-Kosten zu berücksichtigen, erstellten die Kursteilnehmern ein detailliertes Modell, das auch die indirekten Auswirkungen des Gleisbaus und des Baus von Bahnhöfen berücksichtigt. Indem sie so den „tatsächlichen“ CO2-Fußabdruck von Reisen von Wien in verschiedene europäische Städte schätzten, bestätigte das Team dennoch, dass Zugreisen wesentlich umweltfreundlicher sind als Flüge. „Wir haben festgestellt, dass die mit einer Zugfahrt verbundenen Infrastruktur-Emissionen zwar etwa dreimal so hoch sind wie der CO2-Fußabdruck des eigentlichen Zugbetriebs – also die von Reise-Apps angezeigten Emissionen –, aber dennoch spart man mit dem Zug im Durchschnitt 85 % CO2 im Vergleich zur gleichen Strecke mit dem Flugzeug“, erklärt Ružičková. Bei langen Reisen von mehr als 3.000 Kilometern war dieser Effekt jedoch weniger deutlich.
Mehr CO2 als in einem halben Jahr Forschung
Als Nächstes nahmen die Wissenschafter die Reise-Emissionen von zehn internationalen NMR-Konferenzen der letzten zehn Jahre genauer unter die Lupe. Sie zeigten, dass die Reise zu einer Übersee-Konferenz einen erheblichen CO2-Fußabdruck von vier bis fünf Tonnen pro Teilnehmer verursacht. Dies ist beispielsweise der Fall bei einer Reise von Europa zur ENC-ISMAR in Kalifornien. „Wir haben diese Daten mit den Emissionen verglichen, die direkt mit den Forschungsaktivitäten im Bereich NMR an unserem Institut zusammenhängen. Es hat sich herausgestellt, dass eine Reise von Europa zu einer solchen Übersee-Konferenz einen höheren CO2-Fußabdruck hat als pro Person ein halbes Jahr lang Proben herzustellen, Experimente durchzuführen und wissenschaftliche Berechnungen im Bereich NMR am ISTA durchzuführen“, sagt Schanda. Während Österreich einen Anteil von 17 % an fossilen Brennstoffen hat, sind die forschungsbezogenen Emissionen in Ländern mit einem Energiemix mit mehr fossilen Energieträgern höher, wie beispielsweise in Deutschland, das mehr als doppelt so viel fossile Brennstoffe nutzt wie Österreich.
Klimabewusste Konferenzteilnahme
Eine weitere wichtige Erkenntnis in Bezug auf Konferenzorte gewann das Team durch die Untersuchung zusätzlicher Szenarien. Sie prüften die Möglichkeit dezentraler Konferenzen innerhalb Europas, also Tagungen, die gleichzeitig an mehreren Orten stattfinden und virtuell miteinander verbunden sind. „Solche dezentralen Konferenzen bieten den Teilnehmenden die Möglichkeit, zu einem Konferenzort in der Nähe ihrer Forschungseinrichtung zu reisen, was zu einer CO2-Einsparung von bis zu 25 % führt“, sagt Dobbelaere.
Die Studie befasste sich zwar mit dem Beispiel der NMR-Forschung, doch die Autor:innen hoffen, dass ihre Ergebnisse Forschenden helfen werden, fundierte und klimabewusste Entscheidungen über Konferenzreisen in verschiedenen Fachbereichen zu treffen. Als Nächstes werden Dobbelaere, Schanda und Katsaros ihre Bemühungen fortsetzen und sich in ihrem Kurs mit neuen Themen befassen. „Letztes Jahr haben wir uns mit dem CO2-Fußabdruck des Pendelns befasst. Im laufenden akademischen Jahr haben wir begonnen, die Umweltauswirkungen des Scientific Computing zu untersuchen“, sagt Dobbelaere.

Mehr Information unter: www.ista.ac.at