Stadt und Stift ergreifen die Initiative, um ein schwieriges Erbe in der Stadt öffentlich sichtbar zu machen:
Zusatztafeln geben Hinweise auf antisemitische Hintergründe
Presseaussendung vom 31. März 2026
Die Stadt setzt auf transparente Erinnerungskultur im öffentlichen Raum. Die Straßennamen „Adam-Müller-Gutenbrunn-Straße“, „Pater-Abel-Straße“ und „Kernstockgasse“ sind ab sofort mit erklärenden Zusatztafeln ausgestattet, darüber hinaus wurde die Gedenktafel von Pater Heinrich Abel des Stifts mit einer zusätzlichen Tafel versehen, um über die antisemitischen Schattenseiten jener Persönlichkeiten aufzuklären.
Die Stadtgemeinde Klosterneuburg verfolgt das Ziel, historische Zusammenhänge differenziert und aufklärend zu vermitteln. Ein verantwortungsvoller Umgang mit Persönlichkeiten, deren Wirken aus heutiger Perspektive kritisch bewertet werden muss, ist zentraler Bestandteil einer reflektierten Erinnerungskultur. Ergänzende Informationen im Straßenraum sollen dazu beitragen, historische Entwicklungen im jeweiligen zeitlichen Kontext verständlich einzuordnen. Das Augustiner-Chorherrenstift Klosterneuburg trägt mit einer Gedenktafel dafür Sorge, dass an die antijüdischen Äußerungen, die Pater Heinrich Abel SJ (Societas Jesu/Jesuiten) immer wieder in seinen Predigten äußerte, gemahnt wird.
Stiftskämmerer Elias Carr Can.Reg.: „In einer Zeit, in der Kontroversen allzu rasch in gegenseitige Schuldzuweisungen und Beschimpfungen umschlagen, begrüßen wir die Gelegenheit zum Dialog, welche die Ergänzung zur Pater-Abel-Tafel bietet. Sie schafft Raum für eine Auseinandersetzung mit der Geschichte und lädt dazu ein, auch schwierige Aspekte nicht auszublenden. Solange wir leben, können wir lernen – und uns somit positiv verändern.“
Bürgermeister Christoph Kaufmann: „Die drei Straßenzüge tragen die Namen von Ottokar Kernstock, Pater Abel und Adam Müller-Gutenbrunn – Persönlichkeiten, die im kulturellen und literarischen Leben ihrer Zeit eine Rolle spielten, deren Wirken aber zugleich zeitkritische Aspekte enthält, welche die Stadt nicht unkommentiert lassen möchte. Diese kleinen Tafeln mögen ein großes Zeichen sein – für Bewusstsein, Bildung und kritische Erinnerungskultur.“
Kulturstadträtin Katharina Danninger gab den Anstoß zu den Zusatztafeln: „Dieses Thema bewegt Viele – heute ist es soweit, wir setzen ein Zeichen für Erinnerung, Differenzierung und Verantwortung im Umgang mit unserer Geschichte. Denn Straßennamen sind nicht nur Orientierungspunkte im Alltag, sie sind auch Spiegel unseres kollektiven Gedächtnisses.“
Vor diesem Hintergrund wurden die Straßennamen „Adam-Müller-Gutenbrunn-Straße“, „Pater-Abel-Straße“ und „Kernstockgasse“ durch eine Expertenkommission umfassend geprüft. Der Kommission gehörten Univ.-Prof. Dr. Karner, Stadtamtsdirektor Michael Duscher, Stadthistoriker Wolfgang Bäck, Kulturamtsleiter Franz Brenner und Kulturstadträtin Katharina Danninger an.
Die Texte der Zusatztafeln sowie der Gedenktafel
Zusatztafel Kernstockgasse
Otto(kar) Kernstock Geboren am 25.7.1848 in Marburg/Maribor, gestorben am 5.11.1928 in Festenburg (Steiermark).
Priester, Schriftsteller. Der in Marburg an der Drau/Maribor geborene Kernstock wurde nach dem Theologiestudium in Graz 1871 zum Priester geweiht. Mit seiner teils hasserfüllten Prosa und Lyrik diente er 1914–1918 der Kriegspropaganda. Von seinem 1923 verfassten, von der NS-Propaganda aufgegriffenen „Hakenkreuzgedicht“ distanzierte er sich kurz danach.
Zusatztafel Pater Abel-Straße
Heinrich Abel, Jesuitenpater Geboren am 15.15.1843 in Passau, gestorben am 23.11.1926 in Wien.
„Männerapostel von Wien“
Nach dem Studium der Theologie, Philosophie und Rhetorik und Priesterweihe 1874, wirkte er als Lehrer, Beichtvater und Prediger fast ununterbrochen in Wien, wo er in enger Zusammenarbeit mit der christlich-sozialen Bewegung aktiv für die Erneuerung der katholischen Frömmigkeit eintrat. Gründer verschiedener Kongregationen, Vereine sowie der ersten Wiener kath. Hochschulverbindung „Austria“. Abel initiierte und leitete lange Zeit die jährlichen „Männerwallfahrten“ nach Mariazell und nach Klosterneuburg. In seinen Predigten äußerte er sich wiederholt antisemitisch.
Zusatztafel Adam-Müller-Guttenbrunn-Straße
Adam-Müller-Guttenbrunn Geboren am 22.10.1852 in Zăbrani/Guttenbrunn (heute Rumänien), gestorben 5.1.1923 in Wien.
Schriftsteller („Schwabendichter“) und Journalist mit Schwerpunkt auf dem Schicksal der deutschsprachigen Minderheit im Königreich Ungarn (vor allem im Banat und um Temeswar). Mitglied der Freimaurerloge in Bratislava/Pressburg; Leiter des Wiener Raimundtheaters (1892-1896) und des Kaiserjubiläums-Theaters (heute Volksoper, 1898-1903), beide Direktorate endeten in einem wirtschaftlichen Fiasko. 1897 Präsident der als national und antisemitisch eingestuften Deutsch-Österreichischen Schriftstellergenossenschaft. 1919 Abgeordneter der „Großdeutschen Vereinigung“ im ersten österreichischen Nationalrat; 1922 Ehrenbürger der Stadt Wien und von Weidling. Er erhielt am Wiener Zentralfriedhof ein Ehrengrab der Stadt Wien. Sein umfangreiches Werk hat starke deutschnationale und antisemitische Akzente.
Zusatztafel für Gedenktafel für Pater Abel des Stifts Klosterneuburg
Der Einsatz von P. Heinrich Abel SJ (Societas Jesu/Jesuiten) für eine jährliche, rund um Leopoldi (15. November), stattfindende Männerwallfahrt nach Klosterneuburg hat das Stift Klosterneuburg dazu bewogen im Jahr 1933 eine Gedenktafel im Stift anzubringen. Seine Äußerungen über die Juden aber waren oft verständnislos, abwertend oder verachtend. Das Zweite Vatikanische Konzil hat erklärt: „Im Bewusstsein des Erbes, das sie mit den Juden gemeinsam hat, beklagt die Kirche … alle Hassausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgendjemandem gegen die Juden gerichtet haben“. Wir bedauern Pater Abels antijüdische Äußerungen und bitten Gott und die Juden um Vergebung. Für die Gegenwart und die Zukunft ist es uns wichtig, eine aufrichtige und respektvolle Beziehung mit dem Volk des Ersten Bundes zu pflegen.
Zentraleuropäische Provinz der Jesuiten und das Augustiner-Chorherrenstift Klosterneuburg im März 2026