Die Urlauberkapelle an der Kierlinger Straße

Urlauberkapelle Kierlingerstraße

Der Sommerurlaub ist, zumindest für dieses Jahr, endgültig vorbei, aber die Herbstferien stehen schon vor der Türe. Genug Zeit um sich über die barocke Urlauberkapelle an der Kierlinger Straße 58 Gedanken zu machen.

Die Nischenkapelle wurde 1695 errichtet und folgt in ihrer Formensprache eigentlich einem Säulenretabel mit Mensa, einer Nische mit Figuren zwischen den korinthischen Pilastern und einem bekrönenden Auszug mit Bild. Namensgebend ist die in der Nische aufgestellte Urlaubergruppe. Darunter ist allerdings keine beim Urlauben dargestellte Familie zu verstehen, sondern der Abschied Jesu von seiner Mutter Maria. Eine Erzählung aus dem Leben Jesu, welche zwischen der Erweckung des Lazarus und dem Einzug in Jerusalem angesiedelt ist. Diese Episode ist nur in den Apokryphen festgehalten und erlangte im 14. Jahrhundert Popularität. Ab dem 15. Jahrhundert wird diese Szene auch vermehrt bildlich dargestellt und erlangte nochmals Bedeutung in der Gegenreformation, die die Marienverehrung stark förderte.

Das Wort „urloub“ bedeutete im Mittelhochdeutschen ursprünglich die Erlaubnis wegzugehen und bezog sich u.a. auf die Freistellung von Bediensteten, damit diese eine Wallfahrt antreten konnten. Die Orte an denen sich Pilgergruppen zum Aufbruch trafen und auch von ihren Familien verabschiedet wurden, waren Urlauberkapellen und auch Urlauberkreuze. Gerade die Szene des Abschieds Jesu von seiner Mutter bot sich für die Kapelle an.


Unsere Klosterneuburger Kapelle wurde 1904 wegen Straßenverbreiterungsarbeiten der Kierlingerstraße an den heutigen Standort versetzt. Dabei wurde nicht nur das Bild im Kartuschenaufsatz von Franz Horst erneuert, sondern auch die Holzfiguren der Urlaubergruppe von Ferdinand Stuflesser. Dieser gründete 1875 eine Holzschnitzerwerkstätte in St. Ulrich in Gröden im heutigen Südtirol und betätigte sich nicht nur als Bildhauer, sondern auch als Altarbauer. Die Werkstätte ist bis heute auch päpstlicher Hoflieferant. Die Figuren zeigen dies in ihrer qualitativen Ausführung. Es zahlt sich also aus, nicht nur an der Kapelle vorbei zu eilen, sondern stehen zu bleiben und einen kurzen geistigen Urlaub vom Alltag bei ihrer Betrachtung zu machen.



20.10.2025

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